Krankheitsverarbeitung: Jeder hat seinen eigenen Weg

Wie Betroffene die Krankheit Krebs verarbeiten ist individuell. Trotzdem können zwei typische Strategien unterschieden werden: Coping und Abwehr. Jede kann ihre Berechtigung haben, je nach momentaner Situation.

Jeder Krebspatient ist gezwungen, sich nach der Diagnose mit einem völlig veränderten Leben auseinander zu setzen. Einerseits geschieht dies aufgrund der körperlichen Beschwerden, die durch den Tumor und die Behandlung entstehen, andererseits wegen des Gefühls der Lebensbedrohung. Auch das Verhältnis zu den Mitmenschen verändert sich, sei es in der Familie, im Freundeskreis oder im Beruf. Die Anpassung an diese neue Situation, das Bemühen, die körperlichen und seelischen Belastungen durch die Krankheit zu meistern oder zu verarbeiten, wird als Krankheitsverarbeitung bzw. Krankheitsbewältigung bezeichnet.

Jeder Mensch hat seine persönlichen Strategien der Krankheitsverarbeitung

Die Belastungen einer Krebserkrankung sind für jeden Menschen anders, deshalb kann es auch kein Patentrezept zur Krankheitsverarbeitung geben. Die individuelle körperliche und seelische Belastung ist sowohl von der Art der Erkrankung und vom Stadium der Krebserkrankung, als auch vom persönlichen Bewältigungsstil des Betroffenen abhängig. Zudem können bei ein und demselben Patienten in den verschiedenen Phasen des Krankheitsverlaufes unterschiedliche Strategien im Umgang mit der Krankheit sinnvoll sein.

Phasen der Krankheitsverarbeitung

Bei Krebs spricht man heute von den vier Phasen der Krankheitsverarbeitung, d. h. der schrittweisen Anpassung an die veränderte Lebenssituation [3]:

  • Nach der Diagnose besteht zunächst die Schockphase, die sich meist als Verleugnung und „Nicht-wahrhaben-wollen" zeigt.
  • Es folgt die so genannte Reaktionsphase, in der eine massive psychische Belastung (z. B. starke Ängste und Depression) vorherrscht.
  • Die Reaktionsphase geht in die Reparationsphase über, in der die allmähliche Anpassung an die aktuelle Situation erfolgt.
  • Anzeichen einer erfolgreichen Krankheitsverarbeitung ist die Phase der Neuorientierung, die mit neuem Selbstverständnis und dem Annehmen der Lebensumstände einhergeht [3].

Diese vier Phasen können unterschiedlich lange anhalten, verschiedene Anzeichen der einzelnen Phasen können sich abwechseln, wiederholen oder sogar parallel zueinander auftreten.

Strategien der Krankheitsbewältigung

Die Psychoonkologie beschreibt zwei grundsätzliche Bewältigungsstrategien, die sich unterschiedlich auf den Umgang mit der Krankheit und damit auch auf die Lebensqualität im Krankheitsverlauf auswirken können [2,3]: die bewussten Copingstrategien und die unbewussten Abwehrmechanismen.

Coping als Strategie

Coping (engl. to cope = mit etwas fertig werden) ist in der Regel ein bewusster Prozess mit dem Ziel, eine bestehende oder zu erwartende belastende Situation zu bewältigen [2]. Insgesamt wird als Coping eine Strategie bezeichnet, sich bewusst mit einer veränderten Lebenssituation auseinander zu setzen. Coping kann mit einer aktiven, kämpferischen Grundeinstellung („fighting-spirit") oder eher passiv erfolgen.

Wer aktiv mit seiner Krankheit umgeht, kann in der Regel zumindest seine Lebensqualität und allgemeine Funktionsfähigkeit günstig beeinflussen (aktives Coping) [2, 3]. Aktives Coping kann z. B. darin bestehen, nach Informationen und sozialer Unterstützung zu suchen oder sich durch Aktivitäten bewusst gegen anhaltende Grübeleien zu wappnen. Als eher ungünstig für die Krankheitsbewältigung werden eine ängstliche, resignative Grundhaltung oder Fatalismus bewertet. Vor allem können sich Hilf- und Hoffnungslosigkeit, sozialer Rückzug sowie die zwanghafte Beschäftigung mit der Krankheit negativ auf die Lebensqualität bzw. das psychische Befinden auswirken (passives Coping) [2, 3].

Abwehr als unbewusster Mechanismus

Hierbei bleiben bedrohliche Gefühle unbewusst, d. h. sie werden verleugnet, vermieden, verdrängt oder auch rationalisiert [3].

  • Verleugnung: Wer die Krankheit nicht wahrhaben will, sagt sich beispielweise: „Ich bin nicht krank, mir geht es gut, ich habe keine Angst."
  • Vermeidung: Manche Patienten vermeiden alles, was ihnen Angst machen könnte, möchten über ihre Krankheit nicht reden, vermeiden daran zu denken, oder weigern sich sogar zum Arzt zu gehen.
  • Verdrängung: Bei der Verdrängung werden unangenehme oder Angst machende Ereignisse oder Gefühle völlig aus dem Gedächtnis gestrichen. Das kann so weit gehen, dass ein Patient vergisst, dass der Arzt ihn über seine Krankheit aufgeklärt hat.
  • Regression: Patienten mit einem so genannten „Regressionsstil" ziehen sich auf frühkindliche Erlebens-, Verhaltens- und Wunschebenen zurück. Sie übergeben die Verantwortung vollkommen dem Arzt („er weiß, was für mich gut ist") oder Angehörigen („meine Frau entscheidet").
  • Rationalisierung: Es gibt auch Patienten, die unbewusst ihre Angst vor dem Krebs verschleiern und andere Gründe vorgeben wie z. B. „Ich fürchte mich nicht vor der Krankheit, sondern vor der Behandlung" [3].

Die Abwehr als unbewusste Form der Bewältigung sorgt für kurzfristige Entlastung. Sie kann in bestimmten Phasen der Erkrankung durchaus sinnvoll sein, z. B. wenn die Ängste oder seelischen Belastungen sonst nicht zu ertragen wären [4].

Tradition und Mythen erschweren den Umgang mit einer Krebserkrankung

Seit der Antike wird Krebs mit „dem Bösen im Menschen" assoziiert, und oft heute noch mit Strafe, Schuld und Sühne in Verbindung gebracht [1]. Viele Patienten fragen sich: „Warum gerade ich? Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich Böses getan, dass ich mit Krebs gestraft werde? Habe ich mir zuviel Stress gemacht?"

Auch der Mythos der sogenannte „Krebspersönlichkeit" und andere Theorien, warum eine Krebserkrankung entsteht, sind immer noch verbreitet. Bei der „Krebspersönlichkeit" beispielsweise sollen bestimmte Merkmale der Persönlichkeit und der Lebensweise des Kranken für die Krebserkrankung verantwortlich sein. Die bis heute verbreitetste Beschreibung einer Krebspersönlichkeit ist, dass es sich um Menschen handelt, die depressiv, antriebsgehemmt und unfähig seien, die eigenen Interessen durchzusetzen und aggressive Gefühle auszuleben (so genannte Typ C Persönlichkeit).

Es ist wichtig zu wissen, dass es nach heutigem Wissen keinen Beweis gibt, dass durch spezielle psychische Merkmale der Persönlichkeit eine Krebserkrankung hervorgerufen oder der Therapieerfolg beeinträchtigt wird [1, 2]. Allerdings kann die Lebensqualität bei Krebs durch die Art der Krankheitsverarbeitung positiv beeinflusst werden.

Erfolgreiche Krankheitsverarbeitung hat viele Gesichter

Leider gibt es bisher keine eindeutigen Belege, dass eine erfolgreiche Krankheitsverarbeitung zugleich verbesserte Heilungsaussichten mit sich bringt. Auch durch eine aktive, kämpferische Grundhaltung („fighting-spirit") oder „positives Denken" kann nach heutigem Wissensstand keine Heilung forciert werden [4]. Allerdings trägt ein aktiver, positiver Umgang mit der Erkrankung zumindest dazu bei die Lebensqualität zu verbessern.

Es gibt keine ideale Form der Krankheitsverarbeitung, deswegen darf/muss jeder Patient seinen eigenen Weg im Umgang mit der Krankheit gehen. Eine zusätzliche Unterstützung können psychosoziale Krebsberatungsstellen in Gemeinden und Städten sowie die psychoonkologische Beratung in vielen Tumorzentren und Kliniken bieten.

Stand: 2011, Dr. Ruth Wissler
Teaser: Linktitel: 
Mit der Situation umgehen
Quellen:

[1] Tschuschke V. Psychoonkologie. Zur Bedeutung psychischer Prozesse bei Krebserkrankungen. Nerveneilkunde 2008; 27:823-840.
[2] Faust V. http://www.psychosoziale-gesundheit.net/pdf/Int.1-Psychoonkologie.pdf (letzter Besuch 18.10.2011)
[3] Sinzinger H. Psychosomatik Psychoonkologie, Präsentation Sommersemester 2011, Universitätsklinikum Erlangen (letzter Besuch 18.10.2011)
[4] http://www.krebsinformation.de/leben/krankheitsverarbeitung/bewaeltigung.php (letzter Besuch 18.10.2011)