Vergessen, das Medikament zu nehmen – was nun?

CML-Patienten müssen meist lebenslang Medikamente einnehmen. Sie sind sich jedoch häufig selbst nicht darüber im Klaren, wie oft die Einnahme vergessen wird. Frau Dr. Saußele erläutert, wie Sie Ihre Therapietreue unterstützen können.

PD Dr. med. Susanne Saußele ist Fachärztin für Innere Medizin an der Universitätsmedizin Mannheim der Universität Heidelberg.
Im Rahmen ihrer Forschungstätigkeiten hat sie sich mit dem Thema der Therapietreue (= Compliance) bei CML beschäftigt. Leben-mit-CML sprach mit Frau Dr. Saußele über die Hintergründe und Probleme von mangelnder Therapietreue und was CML-Patienten beitragen können, um den Erfolg ihrer Therapie zu unterstützen.


Leben-mit-CML
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Was versteht man unter Therapietreue/Compliance?

PD Dr. med. Susanne Saußele:
Als Therapietreue wird das kooperative Verhalten des Patienten und damit u. a. die Einhaltung der Vorgaben des Arztes bezeichnet. Dazu gehört, dass ein Patient die verordneten Medikamente in genau der verordneten Dosis einnimmt. Der Begriff ist aber noch weiter zu fassen. So gehört dazu auch, dass man Empfehlungen (nicht nur) des Arztes zur gesunden Ernährung und aktiven Lebensweise etc. einhält.


Leben-mit-CML
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Warum ist Therapietreue so wichtig für CML-Patienten?

PD Dr. med. Susanne Saußele:
In zwei Studien konnte gezeigt werden, dass Patienten mit unregelmäßiger Einnahme des in der Studie verordneten Tyrosinkinasehemmers signifikant häufiger einen schlechteren Krankheitsverlauf hatten. Das betraf insbesondere Patienten, die in einem bestimmten Zeitraum weniger als 90 % der verordneten Dosis eingenommen hatten. Auch wenn die Patienten mehr als 90 % aber weniger als 100 % der Einnahme erfüllten, zeigte sich diese Tendenz, jedoch nicht signifikant.


Leben-mit-CML:
In medizinischen Fachkreisen wird sehr häufig von mangelnder Therapietreue gesprochen, auch in der CML-Therapie. Wie sind Ihre Erfahrungen in der Praxis damit?

PD Dr. med. Susanne Saußele:
Das Thema ist insofern schwierig, da sich Patienten oft selbst nicht klar darüber sind, wie oft die Tabletteneinnahme nicht stattfindet. Deshalb spiegelt auch ein spezielles Nachfragen beim Arztbesuch nicht unbedingt die Realität wider. Ein „Messen" wird dadurch kaum möglich. In der oben erwähnten englischen Studie kam ohne Wissen der Patienten eine „intelligente" Medikamentendose zum Einsatz, die jedes Öffnen registrierte. Es kam nicht selten vor, dass die Patienten in dieser Studie angaben, regelmäßig das Medikament eingenommen zu haben, aber das elektronische System zeigte an, dass sie nur an 75 % der Tage zwischen zwei Arztterminen geöffnet worden war.


Leben-mit-CML
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Obwohl die Therapietreue also wichtig für den Therapieerfolg ist, gibt es viele CML-Patienten, die ihre Medikamente nicht wie verordnet einnehmen. Welche Gründe kann es dafür geben?

PD Dr. med. Susanne Saußele:
Die Gründe dafür sind vielfach, unbeabsichtigt, d. h. die Tabletten werden vergessen, z. B. wegen einer Reise, weil die Apotheke sie nicht vorrätig hatte oder ähnliches; aber auch beabsichtigt, z. B. wegen kurzfristiger Krankheit, wegen Nebenwirkungen, die störend beim Ausgehen sind etc.


Leben-mit-CML:
Was kann CML-Patienten helfen, therapietreu zu sein? Was raten Sie Ihren Patienten?

PD Dr. med. Susanne Saußele:
Die Tabletteneinnahme fest in den Tagesablauf einplanen. Weiterhin gibt es Möglichkeiten das Gedächtnis zu unterstützen. Vor-Portionierung der Tabletten, SMS reminder, Abhaken im Kalender etc. Es gibt auch ausgefeiltere technische Hilfsmittel, die pro Tag die gewünschte Anzahl der Tabletten zu einer festen Uhrzeit ausgeben. Diese sind allerdings noch nicht sehr verbreitet.


Leben-mit-CML
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Was soll der Patient tun, wenn er doch einmal vergisst, das Medikament einzunehmen?

PD Dr. med. Susanne Saußele:
Das hängt davon ab, wann es ihm einfällt. Sollte es erst am nächsten Tag sein, ist aufgrund der Abbaumechanismen im Körper (Verstoffwechselung) dringend davon abzuraten, die doppelte Dosis einzunehmen. Er sollte es dann in normaler Dosis weiternehmen und seinen Arzt beim nächsten Besuch darüber informieren.


Leben-mit-CML
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Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Saußele.

Teaser: Linktitel: 
Interview mit Dr. Saußele