Ein positiver Blick auf die CML-Therapie

Die Geschichte der CML-Therapie ist außergewöhnlich und spannend bis heute. Der Verlauf und die Lebenserwartung dieser Leukämie-Form haben sich deutlich verbessert.

Die bemerkenswerte Geschichte der CML-Therapie begann mit den Entdeckungen der Erkrankung selbst. Virchow in Berlin und Bennett in Edinburgh beschrieben unabhängig voneinander im gleichen Jahr 1845 das Krankheitsbild „Weißes Blut“ – die charakteristische Überschwemmung des Blutes mit weißen Blutkörperchen.

Ein weiterer Schritt bei der Aufklärung war 1960 in Philadelphia, USA, als der spezielle Defekt der CML-Zellen erforscht wurde: Nowell und Hungerford entdeckten das Philadelphia-Chromosom. Dies ist die erste jemals erkannte genetische Veränderung, die mit der Entstehung von Krebs in Verbindung gebracht werden konnte. [1]

Im Jahr 1973 stellt Janet Rowley fest, dass das Philadelphia-Chromosom durch eine Umlagerung von Abschnitten der Gene 9 und 22 entsteht. Dies war die Grundlage dafür, dass 1986 das entscheidende Protein BCR-ABL nachgewiesen werden konnte, das das Wachstum der Leukämiezellen anregt. BCR-ABL sollte später der wichtigsteAngriffspunkt in der CML-Therapie werden. [2]

Erstes hämatologisches Ansprechen erreicht

Bis zur Entwicklung der Stammzelltransplantation war die CML nicht heilbar und die Patienten starben meist innerhalb weniger Jahre daran.

Erste Verbesserungen brachte die Behandlung mit Hydroxyharnstoff: Im Jahr 1972 konnte damit das Blutbild eines CML-Patienten zum ersten Mal durch eine Behandlung weitgehend normalisiert werden, d. h. die Anzahl weißer Blutkörperchen wurde auf ein normales Maß vermindert. Es wurde ein sogenanntes hämatologisches Ansprechen erreicht. [3]

Neue Perspektiven für CML-Patienten

Seit dem Jahr 1978 eröffnet die allogene Stammzelltransplantation eine völlig neue Perspektive für CML-Patienten. Bei dieser Form der Therapie werden die für die CML verantwortlichen kranken Stammzellen im Knochenmark zerstört. Anschließend erhält der Patient gesunde Stammzellen eines Spenders, die fortan gesundes Blut produzieren. Durch die Stammzelltransplantation besteht dadurch die Möglichkeit der Heilung. Obwohl dies ein enormer Fortschritt ist, müssen dabei immer auch die Risiken der Behandlung bedacht werden. Die Therapie ist demnach nicht für jeden Patienten geeignet. [4]

Bessere Prognose unter medikamentöser Therapie

Im Jahr 1983 gab die Einführung von Interferon alpha neue Hoffnung für Patienten, bei denen keine Stammzelltransplantation möglich oder erfolgreich war. Interferon alpha führte erstmals zu einem vollständigen zytogenetischen Ansprechen, d. h. es konnten nach der Behandlung keine Philadelphia-Chromosomen mehr im Blut nachgewiesen werden. [3] Dadurch verbesserte sich die Prognose der Patienten unter medikamentöser Therapie. [6]

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden in der CML-Therapie neben der allogenen Stammzelltransplantation vor allem Hydroxyharnstoff und Interferon alpha, zum Teil auch in kombinierter Therapie, eingesetzt. [9]

Stark erhöhte Lebenserwartung bei chronischer myeloischer Leukämie

Die Therapieergebnisse mit der Einführung von Tyrosinkinasehemmern in 2001 können durchaus als revolutionär bezeichnet werden. [6] 88 % der Patienten erreichten in den ersten Monaten mit der neuen Therapie eine hämatologische, fast die Hälfte sogar eine zytogenetische Remission. [9] Das waren bis dahin unbekannte Therapiemöglichkeiten.

Bis heute konnten Ärzte und Wissenschaftler weitere Erfahrungen mit dem Tyrosinkinasehemmer der ersten Generation und den spezifischeren Weiterentwicklungen (zweite Generation) sammeln. Fest steht, dass die CML durch die Tyrosinkinasehemmer von einer in wenigen Jahren tödlichen Erkrankung zu einer gut behandelbaren Erkrankung geworden ist. [8] Die meisten Patienten, bei denen die Behandlung der CML rechtzeitig eingeleitet wird, können durch den Einsatz von Tyrosinkinasehemmern ein weitgehend normales Leben führen. [10]

Vom Überleben zur Langzeitperspektive

Vor der Jahrtausendwende lautete das Therapieziel, möglichst lange zu überleben. Heute ist die Lebenserwartung bei chronischer myeloischer Leukämie bei frühzeitiger Diagnose und konsequenter Therapie nahezu normal. Darüber hinaus kann in vielen Fällen eine gute Lebensqualität erreicht werden. [11]

Moderne CML-Therapien ermöglichen die Teilnahme an Absetzkonzepten

Aktuell wird untersucht, ob die CML durch die heute verfügbaren Medikamente vollständig zurückgedrängt werden kann. Dies würde bedeuten, dass die Erkrankung dann trotz Absetzen des Medikaments zumindest für eine gewisse Zeit nicht wiederkehrt. In der Fachsprache wird dies als therapiefreie Remission („Therapiefreiheit“) bezeichnet. [5] Um einen möglichen Rückfall rechtzeitig zu erkennen, müssen die BCR-ABL-Werte weiterhin ärztlich überwacht werden. Es ist zu betonen, dass die CML-Medikamente nur innerhalb dieser Studien und nur unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle abgesetzt werden dürfen! Eine regelmäßige Einnahme der Medikation außerhalb dieser Studien ist besonders wichtig.

Modellerkrankung CML

Die Entwicklung der Therapiemöglichkeiten bei der CML ist eindrucksvoll. Doch die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind über die CML hinaus wirksam. Obwohl die CML selten auftritt, gilt sie als eine Modellerkrankung in der Krebsmedizin.

Tyrosinkinasehemmer setzen am BCR-ABL-Protein an, das bedeutet, sie wirken gezielt in der CML-Zelle. Zum Vergleich: Klassische Chemotherapeutika aus der Krebstherapie wirken breit und greifen damit auch gesunde Zellen an. Mit gezielter Therapie können gesunde Zellen weitgehend geschont und breite Nebenwirkungen wie bei einer Chemotherapie vermieden werden. Das umfangreiche Wissen über diese molekularen Zusammenhänge bei der CML ermöglicht solch eine gezielte und verbesserte Therapie.

Das Besondere daran ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf molekularer Ebene damit direkt in die therapeutische Praxis gebracht wurden. Die CML war eines der ersten Beispiele dafür, wie dieser Transfer gelang. Ähnliche Entwicklungen gibt es heute auch bei anderen Krebserkrankungen. [6, 7]

Darüber hinaus sind die Studien zur therapiefreien Remission bereits jetzt ein außergewöhnlicher Ansatz in der Krebstherapie. Sollte es in der Zukunft gelingen, CML-Patienten eine therapiefreie Zeit zu ermöglichen, wäre dies ein großer Fortschritt für die Behandlung in der CML.

Stand: 2013, Cornelia Dietz
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Lebenserwartung bei CML
Quellen:

[1] http://www.novartis-oncology.ch/platform/content/element/3586/jubilaeum-d.pdf (zuletzt besucht am 27.11.2013)
[2] http://www.vfa.de/de/medizin-gesundheit/krebs/leukaemie/leukaemie-gestern (zuletzt besucht am 27.11.2013)
[3] Kantarjian HM et al. Chronic myelogenous leukemia: a concise update. Blood. 1993 Aug 1;82(3):691–703.
[4] Silver RT et al. An evidence-based analysis of the effect of busulfan, hydroxyurea, interferon, and allogeneic bone marrow transplantation in treating the chronic phase of chronic myeloid leukemia: developed for the American Society of Hematology. Blood. 1999 Sep 1;94(5):1517–36.
[5] Leukämie-Online. Abbrechen von CML-Therapien und Eliminieren der CML: Patientenperspektive als Reflektion von EHA (zuletzt besucht am 24.11.2013). http://www.leukaemie-online.de/index.php?option=com_content&view=article&id=910:abbrechen-von-cml-therapien-und-eliminieren-der-cml-patientenperspektive-als-reflektion-von-eha&catid=38:cml
[6] Onkopedia Leitlinien. Chronische Myeloische Leukämie (CML) (zuletzt besucht am 20.11.2013). http://www.dgho-onkopedia.de/de/onkopedia/leitlinien/cml
[7] Leukämie-Online. CML ist Erfolgsgeschichte für personalisierte Medizin: Erster “Welt-CML-Tag” am 22. September 2011 (zuletzt besucht am 20.11.2013). http://www.leukaemie-online.de/index.php?option=com_content&view=article&id=928:cml-ist-erfolgsgeschichte-fuer-personalisierte-medizin-erster-qwelt-cml-tagq-am-22-september-2011&catid=51:veranstaltung
[8] http://www.chronische-myeloische-leukaemie.com/therapie (zuletzt besucht am 27.11.2013)
[9] Hehlmann, R., Hochhaus, A. Evidenzbasierte Therapie der chronischen myeloischen Leukämie: Interferon-a, STI571 oder allogene Knochenmarktransplantation? Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1834 / B-1575 / C-1460
[10] http://www.leukaemie-online.de/index.php?option=com_content&view=article&id=978#Krankheitsverlauf (zuletzt besucht am 27.11.2013)
[11] http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/zentren/cccu/home/fuer-patienten-und-angehoerige/krebsbehandlung/krebs-spezifisch/cml.html (zuletzt besucht am 28.01.2014)