Die Entwicklung von Tyrosinkinasehemmern bedeutet einen entscheidenden Fortschritt für die Therapie der Chronischen Myeloischen Leukämie (CML). Tyrosinkinasehemmer bekämpfen gezielt die Ursache der CML und sind im Vergleich zu anderen Therapieoptionen gut verträglich.
Tyrosinkinasehemmer sind Medikamente, die gezielt die Vermehrung der Krebszellen bei CML stoppen und entartete Zellen absterben lassen. Die Einführung dieser Wirkstoffklasse hat die Behandlungsmöglichkeiten bei CML enorm verbessert.
Tyrosinkinasen sind Enzyme bzw. Eiweiße, die als Schaltstellen in den Zellen dienen und deshalb wichtige Funktionen innerhalb des menschlichen Körpers übernehmen. Eine Aufgabe besteht z. B. darin, Signale von außerhalb der Zelle aufzunehmen und in den Zellkern weiterzuleiten. Aus dieser Signalübermittlung leiten sich weitere wichtige Prozesse wie z. B. die Zellteilung oder der Zelltod ab (siehe Abb. 1). Wenn diese Prozesse außer Kontrolle geraten, kann das Entstehen von bösartigen Krankheiten wie Leukämie begünstigt werden.

Abb. 1: Signale von außerhalb der Zelle aktivieren das Bcr-Abl-Eiweiß (eine Tyrosinkinase). Dieses wiederum löst weitere Zellantworten aus.
Das Bcr-Abl-Eiweiß ist eine solche Tyrosinkinase. Bei der CML ist das überaktive Bcr-Abl für das unkontrollierte Wachstum der Leukämiezellen verantwortlich. Durch die Tyrosinkinase werden Steuersignale in den blutbildenden Zellen ausgelöst, die zu einer ungehemmten Vermehrung weißer Blutkörperchen führen. Zusätzlich werden durch Bcr-Abl Kontrollmechanismen umgangen, die in krebsartig veränderten Zellen normalerweise eine Art Selbstmordprogramm (Apoptose) auslösen. Dieser Sicherheitsmechanismus, der den Körper vor der Ausbreitung von Krebs schützen soll, funktioniert in Zellen, die das Bcr-Abl Eiweiß bilden, nicht mehr. Tyrosinkinasehemmer verhindern, dass das überaktive Bcr-Abl-Eiweiß seine schädliche Wirkung entfalten kann.
Nachdem erkannt worden war, dass CML durch das Bcr-Abl Eiweiß ausgelöst wird, begannen Pharmafirmen in den 1980er- und 1990er-Jahren gezielt damit, Hemmstoffe für die Tyrosinkinase zu entwickeln. Im Jahr 2001 wurde der erste zur Wirkstoffklasse der Tyrosinkinasehemmer gehörende Wirkstoff für die Behandlung der CML in Deutschland zugelassen. Mittlerweile existieren in dieser Klasse zusätzlich weitere Wirkstoffe.
Diese Wirkstoffe blockieren das Bcr-Abl Eiweiß, wodurch sich nur noch die normalen Blutzellen teilen können. Die unkontrollierte Vermehrung kranker Blutkörperchen wird gestoppt. Auch der natürliche Schutzmechanismus, der die Zellen zur kontrollierten Selbsttötung veranlasst, wenn sie entarten, funktioniert dann wieder. Auf diese Weise können Tyrosinkinasehemmer die Behandlungsaussichten von Patienten mit CML enorm verbessern.
Verglichen mit einer Knochenmarktransplantation birgt die Therapie mit einem Tyrosinkinasehemmer weniger Risiken. Zudem ist sie im Vergleich zu einer Behandlung mit Interferon und einer Chemotherapie meist besser verträglich. Im Gegensatz zu diesen Therapien greift ein Tyrosinkinasehemmer gezielt die Ursache der Erkrankung an.