Interferon alpha ist ein körpereigener Botenstoff, der die Aktivität des Immunsystems beeinflusst. Er schränkt die Vermehrung von Leukämiezellen ein.
Vor der Einführung eines Tyrosinkinasehemmers in die Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie (CML) stellte Interferon alpha (IFN alpha) das wirksamste Medikament gegen die Erkrankung dar. IFN alpha aktiviert das Immunsystem gegen Leukämiezellen. Das Medikament hat jedoch bei manchen Patienten grippeähnliche Nebenwirkungen, die eine Dosisverringerung oder einen Abbruch der Therapie erfordern.
Interferon alpha ist ein Eiweißmolekül, das im menschlichen Körper als Botenstoff des Abwehrsystems dient. Natürlicherweise wird IFN alpha von bestimmten Körperzellen als Antwort auf eine Infektion z.B. mit Viren gebildet. Dieser Botenstoff löst in befallenen und noch nicht befallenen Zellen Schutzmechanismen aus, die eine weitere Verbreitung der Infektion verhindern. Interferon alpha aktiviert zudem natürliche Killer-Zellen, welche der Virus- und Tumorabwehr dienen.
Aufgrund dieser Mechanismen unterdrückt Interferon alpha in der chronischen Phase einer CML die Vermehrung der Leukämiezellen.
Interferon alpha wird heutzutage mittels gentechnischer Verfahren hergestellt. In diesem Zusammenhang wird das Medikament gelegentlich auch als rekombinantes Interferon alpha oder rIFN alpha bezeichnet.
Die Behandlung mit Interferon alpha ist jeder herkömmlichen Chemotherapie überlegen, jedoch im Durchschnitt deutlich weniger wirksam als die Therapie mit Tyrosinkinasehemmern. In manchen Fällen kann durch Interferon alpha ein vollständiges zytogenetisches Ansprechen der CML erreicht werden. Zur Verbesserung der Wirkung sollte IFN alpha in der Regel mit den Chemotherapeutika Hydroxyurea oder Cytarabin kombiniert werden. Dennoch bleibt die Leukämie auf molekularer Ebene in fast allen Fällen nachweisbar. Ein vollständiges molekulares Ansprechen, das eigentliche Ziel jeder CML-Therapie, ist bei Behandlung mit Interferon alpha nur sehr selten zu beobachten.
Längerfristig wirksam ist Interferon nur bei Patienten, bei denen ein vollständiges zytogenetisches Ansprechen erreicht werden konnte und die einen niedrigen so genannten Sokal-Index aufweisen, der sich aus Ergebnissen der ärztlichen Untersuchung und einer Blutanalyse errechnet.
Interferon alpha wird unter die Haut (subkutan) gespritzt. Studien haben ergeben, dass eine Niedrigdosis-Interferontherapie zusammen mit Hydroxyurea ebenso effektiv ist wie eine Hochdosis-Interferontherapie. Bei der Niedrigdosis-Therapie treten jedoch weniger Nebenwirkungen auf.
Die Injektionen können von den Patienten selbst durchgeführt werden. Dafür stehen Fertigspritzen zur jeweils einmaligen Gabe und so genannte Pens zur mehrfachen Benutzung zur Verfügung. Pens sind etwa Füllfederhalter-große Injektionshilfen, die einen größeren Vorrat an Interferon alpha enthalten. Zu jeder Injektion wird eine frische Kanüle auf den Pen aufgesetzt und auf Knopfdruck die zuvor eingestellte Menge des Medikaments unter die Haut gespritzt. Ist der Vorrat im Pen aufgebraucht, wird ein neues Interferonbehältnis eingelegt.
Neben den gewöhnlichen Interferonpräparaten steht auch so genanntes pegyliertes Interferon alpha zur Verfügung, das langsamer an den Organismus abgegeben wird und aufgrund dieser Langzeitwirkung nur einmal pro Woche verabreicht werden muss. Allerdings ist pegyliertes Interferon bisher nicht für die Behandlung der CML zugelassen.
Nebenwirkungen treten bei der Behandlung mit Interferon alpha recht häufig auf und zwingen in vielen Fällen dazu, die Dosis zu verringern oder die Behandlung ganz abzubrechen. Oft kommt es zu grippeähnlichen Symptomen (Fieber, Müdigkeit, Kopf-, Gelenkschmerzen), Übelkeit, Gewichtsverlust oder Depression. Zusätzlich zu den Auswirkungen der CML kann ein Mangel an weißen Blutkörperchen und Blutplättchen auftreten.
Bei pegyliertem Interferon treten seltener Nebenwirkungen auf als bei konventionellem Interferon.